Hans Zender zum 70.

Konzert anlässlich des 70. Geburtstags von
Hans Zender
25. November 2006, 20 Uhr
Stiftskirche St. Arnual
Schirmherr: Jürgen Schreier,
Minister für Bildung, Kultur und Wissenschaft

Ausführende:

Otto Katzameier, Bass
Sarah Maria Sun, Sopran
Barbara Ostertag, Alt
Roswitha Staege, Flöte
Beverly Ellis, Violoncello

Martin Schmeding, Orgel

Anton-Webern-Chor Freiburg

Leitung: Hans Michael Beuerle

Veranstalter:
Netzwerk Musik Saar e.V.
In Zusammenarbeit mit seinen Partnern, dem Saarländischen Rundfunk,
dem Beirat für Musik in der Stiftskirche und der Hochschule für Musik Saar

Eintrittskarten:
15,-/10,-
Vorverkauf: SR am Markt
Kartenreservierung: 0681-9673111

Das Konzert wird durch eine Förderung des saarländischen
Ministers für Bildung, Kultur und Wissenschaft unterstützt

 

„Gegenstrebige Fügung“
Anmerkungen zum Portraitkonzert
HANS ZENDER
zum 70sten


„Kunstwerke haben keine stabile Identität“. Auf keine Kunst trifft dieser fast schon heraklitsche Satz mehr zu als auf die Musik, und auf die Musik kaum eines lebenden Komponisten mehr als auf das kompositorische Schaffen dessen, der diesen Satz niederschrieb: Hans Zender. Wiederholt hat Zender sich auf Heraklit berufen und auf dessen berühmten Ausspruch, daß niemals wir wieder in denselben Fluß steigen, und oft hat er betont, daß das in diesem Satz sich äußernde Denken und Empfinden nicht nur jegliche Wahrnehmung und Interpretation von Musik betreffe, sondern auch sein Komponieren wesentlich beeinflußt habe.

Nur einmal allerdings hat Zender, obwohl die Vokalmusik einen breiten Raum in seinem bisherigen Œuvre einnimmt, heraklitsche Texte als Grundlage einer Komposition gewählt: in CANTO V für Stimmen (1972/74). Dieses Werk nun soll in zwei Fassungen den Rahmen unseres Portrait-Konzerts bilden.

Nicht nur durch die Figur des Flusses als Bild des Identisch-Nichtidentischen allerdings ist dieses zentrale Zendersche Werk besonders dessen zweite Fassung, in der er dem Fragmentarischen der heraklitschen Aphorismen eine kontinuierliche Struktur entgegensetzte geprägt, sondern auch durch das Konstruktionsprinzip der „gegenstrebigen Fügung“. Heraklit entwickelt diesen Begriff, auf den Hans Zender bis heute sich immer wieder bezieht, am Bild des aus zwei Hörnern zusammengefügten homerischen Bogens und an dem der Leier. Georg Picht, dem Zender seinen CANTO V widmete, hat in seinen Erläuterungen zu Heraklit darauf hingewiesen, daß gerade die „Gegenstrebigkeit“ der Teile dieser Instrumente die Bedingung ihrer Einheit sei, und diese Einheit sei Spannung.

Das Zendersche Werk, in dem die Wirkung dieser „gegenstrebigen“ Spannung vielleicht am deutlichsten zutagetritt, ist das nächste der inzwischen zur Achtteiligkeit angeschwollenen Canto-Reihe: CANTO VI für Baß-Bariton und gemischten Chor (1988). Die „Gegenstrebigkeit“ ergibt sich hier aus der stark kontrastierenden Affekthaltung der in ihrer stark gestischen hebräischen Ursprache gesungenen und einander überlagerten 22. und 23. Psalmen und aus dem auch räumlichen Gegenüber von Solist und Chor.
Räumliche Distanz erzeugt ein wesentliches Spannungsmoment auch in der jüngsten Komposition unseres Programms, der kleinen, in der ersten Fassung 1994 entstandenen Kantate RÖMER VIII-26 für Sopran-, Alt-Solo und obligate Orgel.

Die produktive Spannung zwischen nicht nur räumlich, sondern auch kulturell Entferntem beeinflußt und charakterisiert schon seit den 70er Jahren das Komponieren Hans Zenders. Eine besondere Faszination haben für ihn seither die Kulturen des Fernen Ostens. Besonders in den beiden großen, vermutlich noch gar nicht abgeschlossenen Zyklen „Kalligraphie“ I V und „ Lo-Shu“ I VII spiegelt sich diese Faszination. Die fünf Haikai aus LO-SHU VI für Flöte und Violoncello (1989) werden als gleichsam meditative Inseln im Fluß vielfältiger Klänge unser Programm gliedern.

Nicht nur die Spannung zwischen räumlich und kulturell Entferntem, sondern auch zu zeitlich Entferntem hat Hans Zender nach eigenem Bekunden immer wieder gesucht. So stimmte er freudig zu, als ich den Gedanken äußerte, einige wenige Stücke des großen Renaissance-Komponisten Josquin des Prez (ca. 1450 - 1521), gleichsam als zweite kontrastierende Refrain-Ebene, in das Geburtstagskonzert einzufügen.

Das entspricht dem Versuch, jenes für Zenders Komponieren so bedeutsame Prinzip der „gegenstrebigen Fügung“ auf das Programm als Ganzes zu übertragen. So weit nämlich die Klänge des frühen 16. und des späten 20. Jahrhunderts auch voneinander entfernt sind und so groß die daraus resultierende „gegenstrebige“ Spannung auch sein mag, so wirken Josquins Kompositionen, die hier erklingen werden, in ihrem Wesen den Zenderschen doch eigenartig nahe. Liegt das vielleicht daran, daß es jenes Streben, welches wiewohl es in einem historisch und kulturell begrenzten Raum eine Fülle großartiger Werke hervorgebracht hat Zender und viele Künstler seiner Generation als Illusion erkennen mußten, bei Josquin und seinen Zeitgenossen noch gar nicht gab: das Streben nach einer „stabilen Identität“ der Kunstwerke?


Hans Michael Beuerle

 

Programm


Hans Zender   
(geb. 1936)
FRAGMENTE für Stimmen (CANTO V, 2 - 1972)

Hans Zender
Haiku aus LO-SHU VI (1990)   

Johannes Ockeghem  
(ca. 1420 - 1497)
D'ung aultre amer a 3 v.

Hans Zender
Haiku aus LO-SHU VI   

Josquin des Prez   
(ca. 1450 - 1521)
Tu solus qui facis mirabilia/D'ung aultre amer

Hans Zender
Haiku aus LO-SHU VI    

Hans Zender
Römer VIII - 26 für Sopran, Alt und Orgel (1994)
   
Hans Zender
Haiku aus LO-SHU VI   

Hans Zender
CANTO VI für Baß-Bariton und gem. Chor (1988)   

Josquin des Prez
Sanctus D'ung aultre amer/Tu lumen  

Hans Zender
Haiku aus LO-SHU VI    

Hans Zender
CANTO V (Kontinuum und Fragmente)     
für Stimmen (1972/1974)

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